Michael Seewald hält Leo-Brandt-Vorlesung an der NRW-Akademie der Wissenschaften
15.10.2026
Wie ging der Vatikan mit der Verfolgung der Juden in Europa um? Bei einem Vortrag in Düsseldorf haben Michael Seewald und Hubert Wolf neue Funde aus den Vatikanischen Archiven vorgestellt.
Düsseldorf - Michael Seewald hat mit dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf die Leo-Brandt-Vorlesung 2026 gehalten. Dabei stellten die beiden Wissenschaftler am Mittwoch in Düsseldorf neueste Funde aus den Vatikanischen Archiven und erste Ergebnisse ihres Projekts „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa" vor. Das Projekt wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften langfristig gefördert.
Hubert Wolf ordnete den Umgang von Papst Pius XII. und der römischen Kurie in neuere historische Forschungen ein. Wolf und sein Team erforschen seit Jahrzehnten die Vatikanischen Archive und digitalisieren derzeit etwa 10.000 Bittschriften, die Menschen jüdischer Herkunft an Pius XII. richteten. Seewald präsentierte drei Dokumente in Detailanalyse: Ein Gutachten des deutschen JesuitenFranz Hürth, das sich der Frage widmet, unter welchen Bedingungen eine Taufspendung für Menschen jüdischer Herkunft dogmatisch vertretbar sei. In diesem bisher unbekannten Dokument zeigt sich, wie Hürth einerseits aus theologischen Gründen einem rassistischen Antisemitismus entgegentrat, andererseits aber auch von den antijüdischen Vorstellungen, die in der Theologie seiner Zeit verbreitet waren, geprägt blieb. Zudem präsentierte Seewald ein Bittschreiben des ungarischen Beamten Kemény Zoltán für die ungarischen Juden und einen Brief der rumänischen Katechetin Georgette Manoli, in der es um die Taufe einer jungen Frau geht.
Die Leo-Brandt-Veranstaltung ist die Jahresfeier der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, die mit einer Festvorlesung begangen wird. In vorherigen Jahren wurde die Leo-Brandt-Vorlesung zum Beispiel von dem Künstler Sir Anthony Douglas Cragg, der Physikerin Dagmar Bruß oder dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, gehalten.